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Wissenschaftliches Investieren: Warum Affen mit Dartpfeilen Fondsmanager schlagen

In einer Studie der Cass Business School schlugen 10 Millionen zufällig generierte „Affen-Portfolios" den Markt-Index. Ein Witz? Nein — der ehrlichste Eintrittspunkt zu dem, was man heute „evidence-based investing" nennt.

7 Min Lesezeit

1973 schrieb der Princeton-Ökonom Burton Malkiel einen Satz, der bis heute nachhallt:

„Ein blinder Affe, der Dartpfeile auf die Aktienseiten einer Zeitung wirft, könnte ein Portfolio zusammenstellen, das genauso gut performt wie das von Experten ausgewählte."

Damals klang das nach Provokation. Heute ist es eine empirisch nachgewiesene Tatsache — und der Grundpfeiler dessen, was die Wissenschaft als evidence-based investing bezeichnet.

Die berühmteste Studie: 10 Millionen Affen schlagen den Index

2013 nahm die Cass Business School in London Malkiels Anekdote ernst. Die Forscher simulierten 10 Millionen zufällige Portfolios aus den 1.000 größten US-Aktien — jedes Portfolio enthielt 30 zufällig ausgewählte Aktien, alle gleich gewichtet. Das ist exakt das, was ein Affe mit Dartpfeilen über 1.000 Versuche tun würde.

Das Ergebnis war so eindeutig, dass es in die Lehrbücher einging:

  • Fast alle 10 Millionen Affen-Portfolios schlugen den marktkapitalisierungs-gewichteten S&P 500.
  • Die durchschnittliche Mehrrendite lag bei ~1,7 Prozentpunkten pro Jahr — über lange Zeiträume gigantisch dank Zinseszins.
  • Die Affen schlugen außerdem die große Mehrheit aller aktiven Fonds, die im selben Zeitraum verfügbar waren.

Wie kann das sein? Die Antwort hat nichts mit Glück zu tun. Sie hat mit Mathematik, Marktstruktur und der Tatsache zu tun, dass aktives Stockpicking systematisch teuer und ineffektiv ist.

Die drei Säulen wissenschaftlichen Investierens

1. Effizienzmarkt-Hypothese (Eugene Fama, Nobelpreis 2013)

Märkte verarbeiten neue Informationen in Sekunden. Wenn ein Apple-Quartalsbericht rauskommt, ist die neue Information binnen Minuten im Aktienkurs eingepreist — bevor der Privatanleger-TV-Tipp überhaupt im Wohnzimmer ankommt.

Das bedeutet: Es gibt keinen systematischen Vorsprung. Wer heute denkt „Apple ist unterbewertet", hat genau die gleiche Information wie 50 Millionen andere Marktteilnehmer. Wer trotzdem permanent „den Markt schlägt", muss das auf Kosten anderer tun — was über längere Zeiträume mathematisch unmöglich ist, sobald Gebühren ins Spiel kommen.

2. Modern Portfolio Theory (Harry Markowitz, Nobelpreis 1990)

Markowitz zeigte mathematisch: Diversifikation senkt das Risiko, ohne die erwartete Rendite zu schmälern. Aber nur, wenn man breit gestreut investiert. Drei Tech-Aktien sind kein diversifiziertes Portfolio — auch wenn sie gerade gut laufen.

Das ist der Grund, warum die Affen-Studie funktioniert: 30 zufällige Aktien sind zwangsläufig diversifizierter als die 10 Top-Picks eines Fondsmanagers, der seine Karriere auf Tech-Wetten setzt.

3. Random Walk (Burton Malkiel, 1973)

Kursbewegungen folgen kurzfristig keinem vorhersagbaren Muster. Die nächste Bewegung ist ein „random walk" — sie hängt von einer neuen, noch unbekannten Information ab. Daraus folgt: Charttechnik, Markttiming und „heißes Geld auf den Trend setzen" sind statistisch wertlos.

Warum aktive Fonds langfristig verlieren

Es gibt einen weiteren Grund, warum die Affen gewinnen — und der ist deprimierend simpel: Gebühren.

Aktiv gemanagte Fonds kosten typisch 1,5 – 2,5 % pro Jahr (TER + versteckte Transaktionskosten). Klingt wenig. Aber:

  • Bei 7 % Marktrendite sind 2 % Gebühren = ~30 % deiner Rendite weg.
  • Über 30 Jahre frisst das den Unterschied zwischen 500.000 € und 280.000 € Endvermögen — bei identischer Marktentwicklung.
  • ETFs auf den Welt-Index kosten 0,07 – 0,22 %. Das ist ein mathematisch entscheidender Vorteil.

Die Cass-Studie hat den Affen keine Gebühren abgezogen. Im Realleben kommt der Gebührenvorteil noch obendrauf.

Was die Praxis-Daten sagen: SPIVA

Die jährlichen SPIVA-Reports (S&P Indices Versus Active) sind die Wahrheits-Bibel der Branche. Stand 2024:

  • Über 15 Jahre haben ~88 % aller aktiven US-Aktienfonds ihren Vergleichsindex unterperformt.
  • Bei europäischen Fonds: ähnliches Bild — über 80 % verlieren gegen den Index über 10+ Jahre.
  • Der Anteil der „Sieger" ist außerdem nicht persistent: Wer dieses Jahr gewinnt, ist nächstes Jahr nicht zwangsläufig wieder oben. Es ist im Wesentlichen Glück.

Anders gesagt: Du wählst einen Fondsmanager, der statistisch wahrscheinlicher unter dem Markt liegt — und zahlst ihm dafür 2 % deiner Rendite. Das ist der Witz an der Affen-Geschichte.

Was machen kluge Anleger stattdessen?

Schritt 1 — Akzeptieren, dass Markttiming nicht funktioniert

Wenn Profis es nicht hinkriegen, kriegst du es auch nicht hin. Das ist keine Beleidigung — es ist Mathematik. Akzeptier das, und du hast 80 % der Privatanleger schon hinter dir gelassen.

Schritt 2 — Den Markt kaufen, statt ihn zu schlagen

Ein Welt-ETF (z.B. MSCI ACWI, FTSE All-World) gibt dir automatisch Anteile an den 3.000+ größten Unternehmen der Welt. Du gewinnst, wenn die Weltwirtschaft wächst — und das tut sie statistisch über lange Zeiträume zuverlässig.

Schritt 3 — Optional: Faktor-Tilts (Fama / French)

Die Forscher Fama & French zeigten 1992, dass kleine Unternehmen (Size-Faktor) und günstig bewertete Unternehmen (Value-Faktor) langfristig systematische Mehrrenditen liefern — als Ausgleich für höheres Risiko. Wer das ausnutzen will, ergänzt seinen Welt-ETF mit einem Small-Cap- oder Value-ETF. Das ist kein Stockpicking, sondern eine evidenzbasierte Risikoprämie.

Schritt 4 — Disziplin schlägt Intelligenz

Der nervigste Teil: Die Strategie ist trivial. Die Disziplin ist schwer. Nicht verkaufen, wenn der Markt 30 % fällt. Nicht „nur kurz" auf den nächsten Hot Stock setzen. Nicht das Depot jeden Tag checken. Wer das schafft, schlägt nicht nur die Affen — sondern auch die meisten echten Anleger.

Die unbequeme Quintessenz

Wissenschaftliches Investieren ist kein Geheimnis. Es ist seit 50 Jahren publiziert, mit Nobelpreisen ausgezeichnet, und durch Millionen Datenpunkte bestätigt. Trotzdem hört kaum jemand zu — weil die Botschaft langweilig ist:

Kauf den Markt. Halte ihn. Lass den Zinseszins arbeiten. Der Rest ist Selbstdisziplin.

Genau deswegen funktioniert es. Und genau deswegen werden auch in den nächsten 30 Jahren Affen mit Dartpfeilen die meisten Fondsmanager schlagen — und kluge Privatanleger, die den Markt einfach kaufen, sie alle.

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Dieser Beitrag dient zur Information und stellt keine individuelle Anlage- oder Finanzberatung dar.